Hugo Cabret – eine Hommage an den frühen Film


USA, 2011
127 Minuten
Regie: Martin Scorsese

Martin Scorsese, einer der bedeutendsten Filmregisseure des zeitgenössischen Kinos, inszeniert mit der Verfilmung des Buches Die Entdeckung des Hugo Cabret eine märchenhafte Geschichte, die den Kinofilm selbst zelebriert.

Im fünffach Oscar-prämierten Film Hugo Cabret (Originaltitel Hugo) geht es um den Jungen Hugo (Asa Butterfield) , welcher nach dem Tod seines Vaters im riesigen Bahnhof von Paris lebt und in diesem die vielen Uhren regelmäßig aufzieht, was eigentlich der Job seines Onkels war, bevor dieser verschwand. Hugo versucht einen Automatenmenschen, den sein Vater in einem Museum gefunden hatte, wieder zu reparieren. Um dies zu schaffen, stiehlt Hugo beim Spielzeughändler Papa Georges (Ben Kingsley) einige mechanische Teile. Zusammen mit Papa Georges Stieftochter, Isabelle (Chloë Grace Moretz), repariert er schließlich den Automatenmann. Dabei machen die beiden eine wundersame Entdeckung: Der Automat fertigt eine Zeichnung aus George Méliès’ Film Le Voyage dans la Lune (dt.: Die Reise zum Mond) an und unterzeichnet diese auch mit seinem Namen. Dabei stellt sich heraus, dass dies auch der richtige Name von Papa Georges ist, welcher seiner Vergangenheit als Filmpionier lange Zeit entfliehen wollte. Gemeinsam wollen Hugo und Isabelle George Méliès helfen, den Wert seiner Filme wieder anzuerkennen.

Dies ist die Rahmenhandlung eines fantastisch anmutenden Filmes, der vor allem eines darstellt: Eine Hommage an die frühen Kinofilme Anfang des 20. Jahrhunderts.
Um diese gebührend zu würdigen, orientiert sich Regisseur Martin Scorsese auch an den Ästhetiken des frühen Kinos, ja reinszeniert sogar frühe Filme des Cinema of Attractions. So gibt es im Film zum Beispiel eine lange Szene, in der ein Zug im Pariser Bahnhof ankommt, aus dem Menschen aussteigen. Die Art wie diese Einstellung gedreht ist, dürfte Kenner des frühen Filmes beabsichtigt direkt an den Kurzfilm L’Arrivée d’un train en gare de La Ciotat (dt.: Die Ankunft eines Zuges am Bahnhof in La Ciotat) der Gebrüder Lumiére aus dem Jahre 1895 erinnern. Ein Ausschnitt jenes Filmes wird übrigens auch im Verlaufe von Hugo Cabret gezeigt und dieser bleibt nicht der einzige Film, welcher im Film gezeigt wird. So finden sich natürlich Ausschnitte aus Méliès’ Le Voyage dans la Lune, aber auch Hal Roachs Safety Last (dt.: Ausgerechnet Wolkenkratzer!) von 1923. Letzterer wird ebenfalls zusätzlich mit einer Reinszenierung gewürdigt. Nämlich als Hugo vor dem Stationsvorsteher, der ihn wegen seiner Diebstähle belangen möchte, flieht. In einer rasanten Verfolgungsjagd hängt Hugo in schwindelerregender Höhe schließlich am Zeiger der großen Bahnhofsuhr, ganz so wie Harold Lloyd dies in der bekannten Stummfilmkomödie tat.

Die Wahl des Handlungsortes, nämlich der große Pariser Bahnhof Montparnasse und auch die Tätigkeit des Jungen Hugo, Uhren aufzuziehen, ist eine überaus interessante Wahl für das Thema des Filmes. Denn gerade Züge, das Geschehen in Zügen oder auf und um Bahnhöfen haben aufgrund der Faszination für die Bewegung und die schnellen Fortbewegungsmittel schon in den Filmen um 1900 bis in die 1940er Jahre hinein häufig eine große Rolle gespielt. Sei es im bereits erwähntem L’Arrivée d’un train en gare de La Ciotat, Edwin S. Porters 1903 produziertem The Great Train Robbery (dt.: Der große Eisenbahnraub) oder auch in George Albert Smiths The Kiss in the Tunnel von 1899.
Im Film selbst sind häufig viele Zahnräder zu bewundern, welche liebevoll animiert sind. Auch dies kann man als erneute Referenz zum frühen Kino sehen, nämlich auf Charlie Chaplins bekannten Stummfilm Modern Times (dt. Moderne Zeiten), in dem es schon im Jahre 1936 neben einigen anderen Maschinen auch das Innere dieser, nämlich die Zahnräder, oftmals zu sehen gab.

Martin Scorsese bringt mit den Szenen die sich um den Stationsvorsteher, welcher von Sacha Noam Baron Cohen (bekannt vor allem durch seine komödiantischen Figuren Ali G, Borat oder Brüno) verkörpert wird, geschickt auch einiges an dem für den frühen Film so typischen Slapstick Humor ein. Gerade diese Szenen, welche wie kleine Kurzfilme innerhalb des eigentlichen Filmes anmuten, lockern die gesamte Handlung immer wieder auf und sorgen für viele Lacher. Etwa wenn der Stationsvorsteher Hugo verfolgt, weil dieser wieder einmal etwas gestohlen hat und dabei aus Versehen an der noch offenen Zugtür hängen bleibt und mitgeschleift wird. Oder er mit einer Blumenverkäuferin anbandeln möchte, allerdings Tipps dabei braucht, wie er denn lächeln solle und dies auf sehr verkrampfte Weise mehr schlecht als recht versucht. Übrigens ist diese Szene nahezu identisch bereits in Charlie Chaplins City Lights (dt.: Lichter der Großstadt) von 1931 aufgetaucht, womit erneut der Charakter einer Hommage deutlich wird. In diesen Slapstickszenen stellt Sacha Noam Baron Cohen, der im Film als Hommage-Version von Charlie Chaplin fungiert, wieder einmal sein Können als komödiantischer Schauspieler gut dar.

Nicht zu verachten ist auch, dass der Film relativ wahrheitsgetreu von Georges Méliès’ Lebensgeschichte erzählt, sei es nun von der Vorgeschichte, wie er dazu kam Filme zu machen bis hin zum Spielzeugladen am Bahnhof, den er später führte. Natürlich ist nicht alles zu einhundert Prozent korrekt, aber durchaus punktet Hugo Cabret damit den Zuschauer auch noch filmgeschichtliches Wissen zu vermitteln.

Hugo Cabret wurde im Jahre 2012 vor allem für die sogenannten handwerklichen Oscars ausgezeichnet, wie das beste Szenenbild, die besten visuellen Effekte, den besten Tonschnitt und Tonmischung.
In der Tat sticht der Film vor allem visuell durch die magisch anmutenden Animationen oder auch Szenenbilder hervor, die stets etwas surreal wirken. Aber gerade dadurch wird die Magie, welche die Kinofilme in ihren frühen Tagen auf das Publikum ausstrahlten auf eine wundervolle Art zelebriert und auch für die Zuschauer des heutigen Filmes noch einmal erzeugt.

Martin Scorsese zeigt damit, dass es auch im heutigen Hollywood-Kino, das gern als seelenlos und der Kommerz-Maschinerie unterworfen gilt, noch möglich ist, das Gefühl der Phantastik des Mediums Film beim Zuschauer hervorzurufen.

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